Die Affäre um Friedrich Alfred Krupp 1902Der Kanonenkönig und die kleinen Italiener
1902 machte ein Artikel in der SPD-Zeitung "Vorwärts" Krupps Kontakte zu jungen Italienern auf Capri öffentlich - ein Skandal! Der Industrielle beging Selbstmord.
Ende November 1902, Staatsbegräbnis für einen Großindustriellen. Kaiser Wilhelm II. himself hält eine emotional erregte Grabrede für seinen Freund Friedrich Alfred Krupp, Alleinerbe und Chef des mächtigsten deutschen Rüstungskonzerns. Für Wilhelm steht fest: Schuld am Tod seines Vertrauten sind die „perfiden roten Verleumder“: die SPD, „Männer, die bisher als Deutsche gegolten haben, jetzt aber diese Namens unwürdig sind.“ Denn die Sozialdemokraten hatten kurz zuvor in ihrer Parteizeitung „Vorwärts“ Krupp als Homosexuellen geoutet und damit das Reich kanonenschlagsartig erschüttert. Der Krupp-Konzern wurde 1811 in Essen gegründet und entwickelte sich bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts hin zum weltweit größten Gussstahlproduzenten. 1887 ging das Unternehmen auf den kränklichen Friedrich Alfred Krupp (1854-1902) über, der unter Asthma und Rheumatismus litt, aber als Krupp-Chef über 42.000 Angestellte gebot und ein Jahreseinkommen von etwa 20 Mio. Reichsmark bezog – eine damals aberwitzig hohe Summe. Im Zuge des Flottenbauprogramms Wilhelms II. wuchs der Krupp-Konzern weiter und kaufte seine Konkurrenzbetriebe einfach auf. Friedrich Alfred Krupp verkehrte als deutscher „Kanonenkönig“ mit Staatsoberhäuptern und Industriemagnaten. "Krupp auf Capri"Gerüchte um Krupps homosexuelle Neigungen hatte es schon lange gegeben, trotz erfolgreicher Ehe mit dem Freifräulein Margarethe von Ende (zwei Töchter). 1898 meldete ein Hotelbesitzer der Polizei, Krupp habe „ein ganz merkwürdiges Interesse an jungen Kellnern“ gezeigt, mit Vorliebe italienischer Herkunft. 1902 beschwerten sich die italienischen Behörden über Vorfälle mit Jugendlichen auf Krupps Urlaubsdomizil Capri. Auch Krupps Frau beklagte sich bei Kaiser Wilhelm II. über ihren Ehemann. Der Kaiser wollte jedoch Ruhe für seinen Freund, den er als „kerndeutschen Mann“ sah und bereits mit Auszeichnungen überschüttet hatte, und ließ das Freifräulein kurzerhand für verrückt erklären. Sie wurde in eine Irrenanstalt eingeliefert. „Krupp auf Capri“ lautete lakonisch am 15. November 1902 die Überschrift im sozialdemkratischen „Vorwärts“, das vom Leben des Rüstungsbarons auf der Mittelmeerinsel berichtete – und von homosexuellem Verkehr mit italienischen Jungen und Jugendlichen. Die Zeitung prangerte die Doppelmoral der Oberschicht an, die Homosexualität offiziell verdammte, sie jedoch in eigenen Reihen stillschweigend duldete. Aus heutiger Sicht ist schwer zu sagen, ob die „Vorwärts“-Redakteure dabei populistisch-homophobe oder aufklärerische Ziele verfolgten: Wollten sie den Deutschen die Dekadenz und Verderbtheit der Oberklasse vor Augen führen? Oder wollten sie in einem Outing-Akt à la Rosa von Praunheim mehr Öffentlichkeit für Homosexualität schaffen – mit dem Fernziel Abschaffung des §175, der im Deutschen Reich homosexuellen Verkehr unter Strafe stellte? Hirnschlag! - Oder Selbstmord?Für die Sozialdemokratie entwickelte sich der Outing-Artikel jedenfalls schnell zu einem Eigentor. Die Obrigkeit griff rigoros durch und beschlagnahmte die gesamte „Vorwärts“-Auflage. Wohnungen von Abonnenten und Büros von Reichstagsabgeordneten wurden durchsucht, der verantwortliche Redakteur verklagt. Sogar ein Verbot der SPD, erst seit dem Ende der Sozialistengesetze 1890 wieder als Partei zugelassen, war geplant, als der plötzliche Tod von Friedrich Krupp dem Ganzen ein Ende bereitete. Ob es wirklich Hirnschlag war, wie vom Arzt notiert, oder tatsächlich Selbstmord, wie man allerorts munkelte, ist bis heute ungeklärt. In Homosexuellen-Kreisen hielt sich zudem hartnäckig das Gerücht, Krupp habe seinen Tod nur vorgetäuscht und sei inkognito nach Südamerika geflüchtet. Krupp lag nun zwar (offiziell) unter der Erde, die öffentliche Diskussion um Homosexualität jedoch ging weiter – in keinem guten Licht. Keine guten Voraussetzungen für die von Magnus Hirschfeld angestrebte Reform des §175. Die SPD hatte mit der Outing-Aktion der homosexuellen Bewegung einen Bärendienst erwiesen.
Der Artikel Die Affäre um Friedrich Alfred Krupp 1902 in Deutsche Geschichte unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Die Affäre um Friedrich Alfred Krupp 1902 ist Malte Göbel.
Ähnliche Artikel
Ähnliche Themen
Schlagworte
Mehr in Geschichte
|